Microdochium nivale (Fries) Samuels & Hallett

Schneeschimmel; pourriture des neiges (fr.); microdochium patch and pink snow mould (engl.)

Synonyme: Fusarium nivale, Gerlachia nivale, Lanosa nivalis (Basionym)
Systematik: Fungi, Ascomycota, Sordariomycetes, Xylariomycetidae, Xylariales, Incertae sedis
Hauptfruchtform: Monographella nivalis (Schaffnit) E. Müller

Gräser werden auch im Herbst und Winter von Pilzkrankheiten befallen. In Mitteleuropa sind es im Wesentlichen Typhula und Fusarium-Arten sowie der Schneeschimmel. Trotz seines Namens infiziert der Schneeschimmel vornehmlich bereits in den Herbstmonaten auch ohne Schneedecke die Gräser. Eine kühle Witterung in Verbindung mit hoher Luftfeuchtigkeit sind optimale Bedingungen für eine Infektion. Bei einer ausreichenden Nährstoffversorgung im Frühjahr wachsen sich die Schäden meist schnell wieder aus.

Schneeschimmel (Microdochium nivale)

Winterschaeden an Weidelgras

Winterschaeden an Weidelgras
Abb. 1. Winterschäden an Gräsern

Schadbild

Zu Beginn der Infektion zeigen sich im Pflanzenbestand kleine Flecken von wenigen Zentimetern Durchmesser, die sich später zu grösseren gelben bis orange-braunen Flecken ausweiten. Die Gräser innerhalb der befallenen Stellen sind nass und verfault. Bei hoher Luftfeuchtigkeit wächst am Rand der Flecken ein weisses manchmal auch schwach rosafarbenes Pilzmyzel, welches die Blätter zusammenklebt. Der Pilz vermag bis zum Triebgrund vorzudringen. Er tötet die Gräser aber meistens nicht ab, so dass im Frühjahr die Pflanzen wieder regenerieren können (Abb. 1). Da dies häufig von der Mitte des Fleckens aus erfolgt, spricht man im Rasenbau von einem Froschaugensymptom.
Fällt nach einer Infektion im Herbst Schnee und bleibt dieser während längerer Zeit liegen, wachsen die Flecken unter der Schneedecke. Nach der Schneeschmelze sind die Flecken ausgebleicht und mit einem weissen Myzel überzogen. Dieses klebt die Grasblätter zusammen. Die Farbe der Flecken ist rosa, weil sich das Myzel verfärbt und rosa farbige Sporodochien gebildet werden.

Pathogen

Im Herbst und während eines Winters ohne Schnee ist das Myzel weiss und dehnt sich, vor allem an den Rändern der Flecken, spinnwebartig von Blatt zu Blatt aus. Nach der Schneeschmelze ist das Myzel zuerst auch weiss dann aber rosafarben. Es ist eher filzig und klebt die befallenen Blätter zusammen. Bei hoher Luftfeuchtigkeit werden in Sporodochien Konidien gebildet. Diese sind sichelförmig, meistens zweizellig (es kommen aber auch ein- bis vierzellige Konidien vor) und ohne die für Fusarien typischen Füsschen. Die erste Zelle ist breiter als die zweite, letztere läuft in eine scharfe Spitze aus. Die Konidien messen 10-30 x 2.5-5 µm, wobei die vier-zelligen am grössten sind. M. nivale bildet keine Mikrokonidien und keine Chlamydosporen oder Sklerotien.
Isolate von M. nivale wachsen auf künstlichen Nährmedien sehr unterschiedlich. Beim Schneeschimmel scheint keine physiologische Spezialisierung in der Wirtswahl vorzukommen. Isolate von Gräsern befallen Getreidepflanzen und umgekehrt (Smith 1983).
Perithecien werden vor allem auf Getreidestroh gebildet und sind dort als kleine schwarze Punkte sichtbar. Sie sind oval und enthalten spindelförmige gerade oder gebogene Asci. Die Ascosporen sind hyalin, 2-4 zellig und messen 50-70 x 7-9 µm (Müller, 1977).

Lebenszyklus

Schneeschimmel überlebt ungünstige Perioden als Saprophyt in infizierten Pflanzen oder in abgestorbenen Pflanzenresten. Sobald die Bedingungen besser werden, wächst ein Myzel, ausgehend von befallenen Pflanzen oder von gekeimten Sporen, und infiziert neue Blätter. Der Pilz wächst optimal bei feuchten Bedingungen und bei Temperaturen zwischen 0 bis 16 °C. Sobald es wärmer wird und die Gräser abtrocknen, stoppt das Wachstum. Petrini et al. (1979) vermuten, dass der Schneeschimmel normalerweise als Endophyt (auf Getreide) wächst und erst nach länger dauernder Schneebedeckung zum Pathogen wird.
Myzel, Konidien oder Ascosporen aus den Perithecien auf infizierten Getreidestoppeln oder Grasstroh können Primärinfektionen verursachen. Ausserdem kann M. nivale mit dem Saatgut von Getreide und Gras übertragen werden.

Epidemiologie

Temperatur: Die optimalen Temperaturen für eine Infektion durch M. nivale liegen zwischen 0 und 5 °C (Dahl 1934) und für einen optimalen Krankheitsverlauf 0-7.2 °C (Couch 1962). Bei Minustemperaturen kann der Schneeschimmel normalerweise nicht wachsen, das Myzel kann aber Temperaturen von bis zu -20 °C überleben. Wechselnde Temperaturen bei feuchten Bedingungen fördern einen Befall mit Schneeschimmel eher als eine ständig andauernde Kälte. Die Gräser können dann keine richtige Winterruhe (Dormanz) beginnen, welche einen natürlichen Schutz vor Krankheitsbefall bildet. In Zeiten ohne Schneebedeckung erfolgt eine Infektion der Gräser häufig nach einem Frost, welcher die Pflanzen im Wachstum hemmt oder sogar schädigt.
Feuchtigkeit und Schneedecke: Lange anhaltende Feuchtigkeit bei tiefen Temperaturen (Tau, Nebel, Beregnung ) fördert den Befall mit M. nivale. Eine lange dauernde (mehr als 30 Tage), dicke Schneedecke auf nicht gefrorenem Boden wirkt sich ebenfalls günstig aus auf die Entwicklung von Kälte toleranten Pathogenen. Die Schneedecke schützt die Pflanzen zwar vor Frost, hält aber ein feuchtes Klima aufrecht, was das Myzelwachstum begünstigt. Je länger die Schneedecke anhält, desto mehr Reservekohlehydrate werden von den Pflanzen abgebaut. Dies vermindert die Resistenz der Pflanzen gegen Schneeschimmel und mindert die Winterhärte (Tomiyama 1961). Eine Abdeckung des Rasens durch Schnittgut, Laub oder Mulch kann ähnliche Bedingungen schaffen wie eine Schneedecke.
pH Wert des Bodens: Je höher der pH des Bodens, desto schwerwiegender sind die Schäden, welche durch Schneeschimmel verursacht werden.
Düngung: Einseitig hohe Stickstoffgaben im Herbst und zu wenig Kalium fördern den Schneeschimmelbefall.

Wirtsspektrum

Folgende wichtigen Grasarten werden von Schneeschimmel besonders oft befallen: Weidelgräser / Raigräser (Lolium perenne, L. multiflorum), Rotschwingel (Festuca rubra), Wiesenrispe (Poa pratensis), P. annua, P. trivialis und Agrostis sp.
Isolate von M. nivale scheinen nicht auf bestimmte Grasarten spezialisiert zu sein, so infizieren Isolate von Gräsern auch Getreide und umgekehrt (Smith 1983).

Bekämpfung

  • Überschüssiges Wasser so schnell wie möglich durch eine Drainage entfernen.
  • Eine ausreichende Versorgung der Gräser mit Kalium im Herbst kann eine starke Ausbreitung des Schneeschimmels verhindern. Mit Stickstoff soll im Herbst nur mit geringen Mengen gedüngt werden (nicht mit schnell löslichen N-Düngern), damit das Pflanzenwachstum nicht übermässig gefördert wird. Außerdem sollten Kalkgaben im Herbst vermieden werden, da der Erreger höhere pH-Werte bevorzugt.
  • Weiterhin hilfreich ist das ständige Entfernen von Laub, da unter den Blättern ideale Befallsbedingungen herrschen. Ein gründliches Vertikutieren im Frühjahr nach überstandener Infektion hilft, befallenes Pflanzenmaterial zu entfernen.
  • Bei einer allfälligen Ein- oder Neusaat nur empfohlene, für das Anbaugebiet geeignete Sorten oder Arten verwenden.

Literatur

Couch H.B., 1962. Diseases of Turfgrasses. Reinhold, new York, 289 pp.

Dahl A.S., 1934. Snow mold of turfgrasses as caused by Fusarium nivale. Phytopathology 24: 197-214.

Müller E. 1977. The taxonomic position of the snow mould of cereals. Rev. Mycologie 41: 129-34.

Petrini O., Müller E. und Luginbühl M., 1979. Fungus as endophyte of green plants. Naturwissenschaften 66: 262

Smith J.D. 1983. Fusarium nivale (Gerlachia nivale) from cereals and grasses: is it the same fungus. Can. Plant Dis. Surv. 63: 25-26.

Tomiyama K., 1961. Snow blight of winter cereals in Japan. 9th Int. Bot. Congr., Montreal, 1959. In Recent Advances in Botany, University of Toronto Press, Vol. 1. Sect. 5: 549-52.